Zaunreiterin

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"Zaunreiterin" ist eine mögliche Bedeutung des althochdeutschen Wortes hagazussa, aus dem später das Wort Hexe wurde. Die Hexe ist die Grenzgängerin zwischen den Welten: zwischen Zivilisation und Wildnis, Bekanntem und Unbekanntem, Drinnen und Draußen, Dies- und Anderswelt. Eigentlich aber steht sie in beiden Welten gleichzeitig, mit einem Bein auf dieser, mit einem auf der anderen Seite des Zauns.

Das gilt auch für die "schamanisch Tätigen": Einerseits ist da der vertraute Umgang mit den geistigen Welten und deren Bewohnern; die Grundüberzeugung, dass diese geistigen Welten mindestens ebenso real sind wie die materielle, allgemein sichtbare Welt, und dass man in diesen Welten handeln und auch Dinge bewirken kann, die dann wiederum Rückwirkungen auf den materiellen Teil der Welt haben. Andererseits ist da die Verankerung im Weltlichen, im Alltag. Letzteres trägt auch zu jener Erdung bei, ohne die schamanisches Arbeiten im Grunde nicht möglich ist. Wer keine Wurzeln hat, kann nicht wachsen, sondern läuft Gefahr, abzuheben und die Bodenhaftung zu verlieren.

"Einige von uns wollen loslassen und die Kraft erwecken, die in uns vergraben liegt. Um dies zu tun, müssen wir auf der Schneide leben, zwischen den Linien, irgendwo zwischen Materie und Geist, männlich und weiblich, Dunkelheit und Licht, Führer und Anhänger, Stille und Bewegung. Wir wagen uns wie Seiltänzer über den Abgrund des Unbekannten."
(Gabrielle Roth: Totem. Gelebter Schamanismus, München 2000, S. 19)


Und so sehe auch ich mich als Seiltänzerin - oder eben als Zaunreiterin.

Ich möchte die Gedanken und Erfahrungen weitergeben, die aus meiner eigenen Auseinandersetzung mit dem Schamanismus - als Historikerin und Wissenschaftlerin einerseits, als schamanisch Tätige andererseits - entstanden sind. Ich präsentiere damit keine allgemeingültige oder gar ausschließliche Wahrheit, sondern meine eigene, persönlich gefärbte und fragmentarische Sicht, die auch immer noch einem steten Wandel unterworfen ist. Kenneth Meadows, mein erster schamanischer Lehrer, hat bei einem Basisseminar Anfang der 1990er Jahre gesagt: "Shamanism is what works for you, at that moment, towards love and harmony." Jeder, der schamanisch unterwegs ist, entwickelt im Laufe der Zeit seine ganz eigene, persönliche Arbeits- und Herangehensweise, geführt von den geistigen Welten und nicht von irgendwelchen festgelegten Rezepten. Und schamanisches Arbeiten setzt immer eine Haltung, eine klare Absicht voraus, die auf Heilung und Ganzheit ausgerichtet ist.

Schamanismus ist Weltsicht, Lebensweise, Technik, Werkzeug, Weg zur Ganzheit. Schamanismus ist erdig und anarchisch. Schamanismus ist keine Licht-und-Liebe-Esoterik, kein Gurutum. Schamanismus ist keine Theorie, sondern lebendig, wird erfahren, erlebt, ge-lebt. Schamanische Elemente finden sich zwar in vielen Religionen, sogar im Christentum; Schamanismus selbst ist aber keine Religion, es sei denn im wörtlichen Sinn einer re-ligio, der Rückbindung an jene Kräfte und Energien, die uns umgeben und in uns sind.

Unsere Welt hat eine solche Rückbindung, eine solche neue - und gleichzeitig uralte - Sichtweise dringend nötig. Den Schamanismus in die Welt zu tragen, dazu möchte ich meinen kleinen Anteil leisten.

© Sabine Schleichert, Herbst 2015