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Über mich

Ich bin aufgewachsen mit der Auffassung, dass es so etwas wie eine Seele nicht gibt, sondern nur den Körper samt biologisch erklärbaren Zusammenhängen. Daran hat zunächst auch ein Erlebnis im Alter von vielleicht sieben Jahren nichts geändert, das wohl eine außerkörperliche Erfahrung gewesen sein muss. Ich war krank und blickte plötzlich von der Zimmerecke über meinem Schrank auf mich hinunter, wie ich da im Bett lag. Die Erfahrung war tief beeindruckend, weil es sich einfach anders - realer - anfühlte, als wenn man sich nur vorstellt, von oben auf sich selbst hinunterzublicken. Und sie war trotz vieler Versuche nicht reproduzierbar. Erzählt habe ich niemandem davon, weil es in meiner Familie ohnehin niemand verstanden hätte, aber vergessen habe ich es auch nicht.

Nach der Schule habe ich bis 1992 Geschichte und Politikwissenschaften studiert und danach rund drei Jahre an einer Doktorarbeit über Hexenprozesse in Vorderösterreich gearbeitet. Die Arbeit ist nicht fertig geworden, es gibt nur einige kleinere Aufsätze dazu. Etwa gleichzeitig hatte ich, unter anderem mit zwei Seminaren bei Kenneth Meadows, auch meine ersten schamanischen Erfahrungen gemacht, und so kam immer wieder die Frage auf, ob die europäischen Hexen irgendetwas mit vorchristlichen Kulten, schamanischen Praktiken oder Ähnlichem zu tun hatten. Aus den Archivstudien zu "meinen" Hexen konnte ich das klar verneinen; sehr schwache Hinweise in dieser Richtung gibt es allerdings trotzdem, auf die anderswo genauer eingegangen wird. In diese Zeit fällt ein zweites Erlebnis, das ebensowenig reproduzierbar war: nach einem Recherchetag im Archiv schaute ich mir abends quasi als Touristin Augsburg an, landete im Dom und dort, nichtsahnend, in der Krypta - und nahm, völlig verblüfft, die Präsenz eines ungemein mächtigen Wesens wahr, weder freundlich noch feindlich gesonnen, neutral, aber eben unendlich machtvoll.

Es kam in den folgenden Jahren noch einige - wenige - Male vor, dass ich in einem winzigen Augenblick "hinter die Fassade der sichtbaren Welt" schaute. Für mich waren diese Momente tief beeindruckend, und lange habe ich mich an ähnlichen Kriterien orientiert, um "echte" Anderswelterfahrungen von Phantasie (vulgo "Mindfuck") zu unterscheiden: der Eindruck, sie seien realer als einfache Vorstellungen, und das Unerwartete, das Gefühl von "Boah, da wäre ich jetzt von alleine aber nicht drauf gekommen".

Was das Schamanische selbst angeht, so fand ich das Reisen von vornherein ziemlich interessant, selbst wenn die ersten Reiseerfahrungen eher fragmentarisch blieben. Allerdings war ich mir lange nicht sicher, ob diese Anderswelt, in der man da unterwegs ist, nun wirklich real ist oder ob es letztlich doch "nur" Bilder aus dem eigenen Unterbewusstsein sind.

Ab Mitte der 1990er Jahre war erst einmal Schluss mit dem aktiven Schamanisieren; wir zogen um, die Kontakte brachen ab (Internet gab es noch keines), und vor allem kam unsere Tochter zur Welt, und es stellte sich ziemlich schnell heraus, dass Reisen mit einem Baby nebendran einfach nicht richtig funktioniert. Der Stillstand endete mit einer im Tiroler Tiefschnee abgehaltenen Schwitzhütte bei Christian Vogel im Februar 2005, bei der ich auf "Skan" (Bewegung) saß - und die in der Tat die Dinge wieder in Bewegung brachte.

Nach einer Seminarreihe bei Cathérine Conradty mit mehreren Yuwipis kam ich schließlich der Auffassung, dass eben doch alles miteinander verbunden und, folgerichtig, die Anderswelt als energetische Ebene der Welt real ist, nicht mehr aus. Anders waren manche Dinge, die während dieser Yuwipis passierten, einfach nicht zu erklären. Meine Weltsicht veränderte das fundamental. Allerdings war damit immer noch nicht klar, wofür das Ganze eigentlich gut sein sollte, abgesehen von den Reiseabenteuern. Meine Versuche, via Reise Antworten auf eigene Fragen zu bekommen, liefen meist ins Leere, und als Heilerin - welcher Form auch immer - hatte ich mich bis dahin nie gesehen.

Insofern hatte ich auch nicht die geringste Ahnung, auf welches Abenteuer ich mich einließ, als ich im Herbst 2011 eine schamanische Ausbildung im Chiemgau begann.
Eigentlich war es mir nur darum gegangen, nach mehreren Jahren Pause den schamanischen Weg weiter zu gehen, ohne eine Vorstellung zu haben, wohin dieser Weg führen könnte. Ich wollte "einfach nur verstehen". Tatsächlich wurde schnell klar, dass es um die Arbeit für Menschen ging, und im weiteren, dass ich diese Art der Arbeit - anfänglich durchaus zu meiner eigenen Überraschung - sehr gerne mache.

Doch setzt die Arbeit für andere zunächst die Arbeit für und an sich selbst voraus. Ich hatte nicht erwartet, dass die Zeit dort mein Leben so tief berühren würde, wie sie es dann tat - nicht unbedingt im Äußeren, wohl aber auf allen anderen Ebenen. Weder hatte ich mit den Geschenken gerechnet, die es auf dem Weg gab, noch mit den Prüfungen. Schicht um Schicht schälten sich ab, wie bei einer Zwiebel, auf der Suche nach dem Kern meiner selbst, gnadenlos in der Notwendigkeit der Ehrlichkeit mit mir selbst und der Konfrontation mit den eigenen dunklen Ecken. Wie in einer Achterbahn kam ich mir oft genug vor - und kaum in dem Glauben, einmal irgendwo angekommen zu sein, kam die nächste scharfe Kurve. Eine solche Kurve trug mich schließlich sogar aus dem Kreis rund um diese Ausbildung heraus. Der Verlust der Heimat, die dieser Ort mehrere Jahre lang war, schmerzte tief und lang, bis sich dadurch schließlich neue Türen öffneten. Türen zu einem Weg, der noch einmal tiefer geht und gnadenloser ist als alles Vorhergegangene, auch wenn ich mir nicht einmal ansatzweise hatte vorstellen können, dass das überhaupt möglich ist. Und es wäre eine Illusion anzunehmen, dass dieser Prozess irgendwann enden wird. Der Lohn aber ist: ich selbst. Damit unschätzbar wertvoll, so wie jeder einzelne andere Mensch und jedes einzelne andere Wesen auf dieser Welt.

Für die Möglichkeit, diesen Weg zu gehen, bin ich unendlich dankbar: den Geistern, die so trickreich immer und immer wieder die Bühne vorbereiten, auf der dann die Dinge erlebt und erfahren werden können und müssen; den Menschen, von denen manche mir das Leben gerettet haben, wenn ich selbst nicht mehr dazu in der Lage war; und all denen, mit denen ich einen Teil dieses Weges gemeinsam gegangen bin, gehen durfte und gehen darf.

Erfahrung aber bleibt hohl, wenn sie keine Konsequenzen hat. In diesem Bewusstsein möchte ich das, was mir möglich ist, weitergeben. Für das Leben. Für das Licht. Für die Liebe. Und für das Lachen.

© Sabine Schleichert, Frühjahr 2017